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Alles hat seine Zeit!

06.06.2018
Oft vergessen wir die Begrenztheit aller Zeit, die wir zur Verfügung haben, und denken: So wird es weitergehen für immer und ewig. Aber da muss die Pfarrerin widersprechen und an den alten Satz der Bibel erinnern: „Alles hat seine Zeit", alles hat nur eine bestimmte Zeit, einen begrenzten Zeitraum. Auch die Zeit, als Pfarrerin auf dem Heilsberg zu sein und zu arbeiten, ist begrenzt. Und nun habe ich mich mit meinem Mann entschieden, noch einmal beherzt, nicht ohne Zittern, einen Neuanfang in einer anderen Gemeinde zu wagen.
Zum 1. August 2018 gehe ich nach Viernheim in die Christuskirchengemeinde, Bezirk Friedenskirche.
Die Kinder sind aus dem Haus und stehen auf eigenen Füßen; mein Mann ist meinetwegen jahrelang weit zur Arbeit gependelt; nun ziehe ich näher zu seinen Arbeitsstellen. Und ich bin – gerade noch – jung genug, um in einer anderen Gemeinde noch einmal wirklich Fuß zu fassen. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dafür entschieden, weiter in einer Kirchengemeinde zu wirken und Freud und Leid der Menschen hautnah zu erleben, zu teilen und mitzutragen.
Siebzehn Jahre lang bin ich nun auf dem Heilsberg, beinahe eine Generation lang – das Kind eines Konfirmanden taufe ich im Sommer, seine Hochzeit durfte ich bereits gestalten. Vieles hat mir Freude gemacht, und manches haben wir bewegt: Wir haben das Abendmahl mit Kindern eingeführt, als Gottesdienstgemeinde begriffen, dass Kinder dazugehören und keine „Störenfriede" sind, haben unterschiedliche Gottesdienstformen gestaltet (besonders stolz bin ich auf die KV-Gottesdienste), die ersten drei Reihen in der Kirche mit Stühlen variabel gestaltet, die Arbeit in der Kita vorangebracht, Gemeindegrüße gestaltet und im Team mit einer/einem Ehrenamtlichen den Kirchenvorstand geleitet. Dabei war mir immer der Team-Gedanke wichtig, das gemeinsame Planen und Gestalten.
 
Allein hätte ich das nie geschafft. Ich brauchte immer die Unterstützung anderer, wenn ich mit neuen Ideen kam. Für all die Unterstützung bin ich Ihnen, bin ich Euch zutiefst dankbar. Und ich habe versucht, Gedanken anderer aufzugreifen und zu stärken, wenn sie mir sinnvoll erschienen.
Ich habe das Jahr mit den KonfirmandInnen komplett umgestaltet, den Besuchsdienst geleitet, Seelsorge in Familien, bei Beerdigungen und im Altenheim geleistet, an Sterbebetten gesessen, beraten und mit Kindern, Konfis und Erwachsenen gelacht und geweint. Unzählige einzelne Begebenheiten erinnere ich, die mich berührt und bewegt haben. Dafür danke ich.
 
Fast die Hälfte meiner Berufszeit war und bin ich hier. Ich habe diese Zeit genossen, und der Abschied von vielen Menschen, deren Leben ich eine Zeitlang (eng) begleitete, wird mir sehr schwer fallen. Mir bricht beinahe das Herz, wenn ich an den Abschied denke. Und doch spüre ich seit längerem: Es ist Zeit, zu gehen und etwas Neues zu beginnen, ganz woanders, alles Vertraute und alle Routine aufzugeben – ich fühle mich, als ob ich gerufen würde: „Alles hat seine Zeit, auch deine Zeit auf dem Heilsberg ist nur eine begrenzte Zeitspanne, nimm das wahr und klammere dich nicht an Gewohnheiten, die dir zur Normalität geworden sind."
Siebzehn Jahre war ich hier, Jahre, in denen sich Kirche und Gesellschaft stark gewandelt haben – die Gründer des Heilsbergs habe ich beerdigt, junge Familien kamen und hatten neue Ideen. Der Heilsberg hat sich verändert und ich auch. Ich bin älter geworden, habe persönliche Krisen durchlitten, viele liebe Menschen in Krankheiten und auf dem Weg zum Tod begleitet und habe sie an den Tod verloren. Das Leben wurde und wird mir dadurch noch kostbarer – jeder Tag ist ein Geschenk und keine Selbstverständlichkeit, mit der ich rechnen oder auf die ich bauen kann. Umso wichtiger wurde mir die Frage: „Wie willst du die letzten gut zehn Jahre deiner Berufstätigkeit ausfüllen?" Und so habe ich mich zu einem letzten Wechsel entschieden.
Der Weggang vom Heilsberg wird einer der schwersten Wege in meinem Leben, denn mich verbindet so vieles mit Ihnen, mit Euch, liebe Gemeinde.
Das Gemeindeleben war in all den Jahren voller Dynamik, hat sich fortwährend verändert, nicht ohne Spannungen, die indes konstruktiv gelöst wurden, aber manches blieb auch offen. Für alle Verletzungen dabei bitte ich um Verzeihung.
Gottes Segen begleite und inspiriere Euch bei allem Tun und Lassen!
 
Von Herzen grüßt

 

 

 Ihre
 
Pfarrerin Dr. Irene Dannemann