Als Favorit hinzufügen
 

Konzertrückblick: »accentus vocalis« bei den VilBelMonte-Konzerten auf dem Heilsberg

19.09.2018
Da setzt man sich in die Heilsberger Heilig-Geist-Kirche, um einen Chor zu hören, der angeblich Schlaf- oder Nachtlieder auf dem Programm hat. Na gut, Brahms‘ Wiegenlied herrlich so zum Einlullen… Aber was dann unter der Leitung von Peter Scholl geschieht, ist etwas Unglaubliches. Schon gleich in dem besagten Brahmslied höre ich nicht einen Chor, sondern scheinbar ein ganzes Orchester. Und ein Orchester, das nicht breit und schwer als Bühne vor dem Altar thront, sondern eines, das unfassbar leicht und sanft von Klang zu Klang zu schweben scheint.
 
Peter Scholl, der als Dirigent und Chorleiter offensichtlich mühelos diese Klänge und diese Musikalität aus seinen Sängern zaubert, hat ein Programm zusammengestellt, das uns durch Nacht und Traum führt, und das seinen Titel „Only in Sleep“ mit bester Konsequenz ad absurdum führt. Von Schlafen kann hier trotz durchgängiger Thematik nie die Rede sein: William Blakes berühmter „Tiger, Tiger burning bright…“ kommt sehr rhythmisch und in rotes Licht getaucht durch den „…forest of the night“ auf uns zu. Und jede Emotion, ob nun brausend oder zart, wird musikalisch so rein und so nuanciert dramatisiert, immer ohne glatt, kalt oder künstlich perfekt zu wirken. Und dazu das Licht – es greift perfekt die Stimmung jedes einzelnen Stücks auf, sodass wir von einer Welt in die nächste katapultiert werden. Es erzählt von der Reinheit des traumlosen Schlafes in blasslila, aber auch von nächtlichen Alpträumen in schwarz und dunkelgrün bei „Owls“ von Edvard Elgar.
 
Diese Stimmen machen süchtig. Und auch nach dem, was sie singen, denn zur Musik kommt die Lyrik der Texte. Hier wird nicht einfach gesungen, hier wird Dichtung in Töne versetzt, so, dass man jedes Wort, jeden Reim genießen kann, vom Volkslied bis zu Matthias Claudius, Blake und Emily Dickinson. Aus Finnland, Frankreich, Schweden, von überall hat »Accentus vocalis« die schönsten Traumstücke zusammengetragen. Und ich sage mir nach der Pause bei einem Glas Spätburgunder in meiner Kirchenbank: So könnte jeder Samstagabend klingen… Doch dann kommt das Titelstück: „Only in Sleep“ des aus Lettland stammenden Komponisten Ēriks Ešenvalds aus dem Jahre 1977: Pure Magie und der klare Höhepunkt eines Abends voller Höhepunkte.
 
»Accentus vocalis« sollte man beim nächsten Mal auf keinen Fall verpassen.
Ein wahrhaft „traumhaftes“ Konzert!

 

Dr. York Fanger
 

Foto: Accentus Vocalis