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Gottesdienste September 2020

 

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Liebe Leserin, lieber Leser!

 

Ein bemerkenswertes Grabmal. Die Figur einer jungen Frau, engelgleich, mit hinreißend schönem Antlitz, das der Schleier nur erahnen lässt. Obwohl ganz aus Marmor, wirkt die Skulptur, als wäre ihr der Schleier nachträglich übergeworfen worden. Man staunt, dass der Künstler den harten Stein so kunstvoll bearbeiten konnte. Ein Wiener Bürger, sicher wohlhabend, 1986 gestorben, ließ sich dieses außerordentliche Grabmal gestalten. Es steht auf dem Wiener Zentralfriedhof – inmitten vieler staunenswerter Beispiele der Sepulkralkunst.

 

Was den Wiener (oder seine Hinterbliebenen) bewog, eine solche Skulptur in Auftrag zu geben, ist mir unbekannt. Über seine Bedeutung kann man nur rätseln. Auf jeden Fall erinnert sie mich an eine berühmte Plastik in Neapel: „Cristo velato“ von Giuseppe Sanmartino (1753) in der Cappella San Severo, sie zeigt den toten Jesus auf einem Bett unter einem Schleier liegend. Auch hier wirkt Jesus auf geheimnisvolle Weise lebendig, so als wäre er in einer Sphäre neuen Lebens, die uns der Tod nur verschleiert.

 

Wir feiern wieder Karfreitag und Ostern – Tod und Auferstehung Jesu als Vorzeichen, dass mit unserem Tod, der uns gewiss ist, so wenig wir es wahrhaben können, nicht alles aus und vorbei sei. Sondern dass uns Gott – ja, was eigentlich – auferwecke, in seine Ewigkeit aufnehme, uns ruhen lasse, vor Gericht stelle, wie es Glaubensbekenntnis heißt, aus dem uns nur Gnade retten kann.

 

Wir wissen nichts. Die alten Texte in Bibel und Glaubensbekenntnissen sprechen wir noch mit – mehr oder minder – Ehrfurcht. Aber unsere Vorstellungen dazu sind verschwommen; in unseren aufgeklärten Zeiten trauen wir den Aussagen und Bildern oft nicht mehr – und möchten es doch so gern.

 

Wir alle sind dankbar für die Errungenschaften modernen Lebens – die sichere Versorgung, die angenehmen Wohnverhältnisse, die ärztliche Kunst, die Abwesenheit von Krieg – jedenfalls in unserem Land – die vielen kulturellen Angebote usw. Unser Leben ist reich, keiner Generation vor uns war so viel Glück und Wohlstand vergönnt. Trotzdem – Krankheit und Tod lauern, jederzeit können sie zuschlagen. Das Wohlleben schützt uns nicht – endgültig. Das Ende ist gewiss.

 

Deshalb brauchen wir Glaube und Hoffnung. Deshalb erhalten wir in uns die Sehnsucht, hinter den Schleier zu sehen und das Antlitz Gottes zu erblicken. Und hoffen in jedem noch so kurzen Gebet, dass wir für einen Augenblick wenigstens Ostern nicht nur zelebrieren, sondern als Offenbarung des Ewigen erfahren.

 

Ihr Hans Georg Berg


11.10.2020:
 

Auf einen Blick!

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